Zum ersten Mal in Südtirol
Zwischen Österreich und Italien, Bergen und Wein:
Eine Region, die leise wirkt und lange bleibt.
Wir sind mit dem Zug über den Brenner gefahren, weil uns jemand gesagt hatte, das sei der bessere Einstieg – man nähert sich Südtirol langsam, sieht, wie die Landschaft breiter wird, tiefer, und irgendwann sind da diese Berge, die von keiner Seite vollständig zu überblicken sind. Das hätte auch kitschig sein können. War es aber nicht. Es war einfach ein bisschen überwältigend, und wir haben aufgehört zu reden. Für uns war es ein Moment, den man nicht plant: Man schaut aus dem Fenster, und plötzlich versteht man, warum so viele Menschen hierher immer wieder zurückfahren.
Man ist Südtiroler
Südtirol liegt im Norden Italiens, grenzt an Österreich und die Schweiz, und ist heute eine der wohlhabendsten Regionen des Landes – was nicht immer so war. Bis 1918 gehörte es zu Österreich-Ungarn, und die Narben dieses Übergangs sind lange spürbar geblieben: Die deutschsprachige Bevölkerung lebte jahrzehntelang unter einem Staat, der sie auf Italienisch beschriftete und ihre Sprache zeitweise verbat. Erst mit dem Autonomiestatut von 1972 bekam die Region jene Selbstverwaltung, die ihr heute eine eigentümliche Stabilität gibt. Das alles ist Geschichte – aber es erklärt, warum die Zweisprachigkeit hier keine touristische Zutat ist, sondern etwas Gelebtes, manchmal Angespanntes, und in jedem Fall Echtes.
Fragt man jemanden hier, woher er kommt, lautet die Antwort meistens: aus Südtirol. Das klingt banal, ist es aber nicht ganz. Es ist eine Identität, die sich nicht einfach in eine der naheliegenden Schubladen einsortieren lässt, und die die meisten hier auch gar nicht einsortieren wollen. Man ist Südtiroler, und das reicht.
Wie das konkret aussieht, ist je nach Gegend verschieden. Es gibt Orte in Südtirol, in denen man an einem Nachmittag mit Palmen, Straßencafés und einem Aperitivo in der Hand sitzt und sich fragt, ob man wirklich nördlich des Brenners ist – Meran hat dieses mediterrane Licht, diese Leichtigkeit. Und es gibt Täler, ein paar Autostunden entfernt, in denen die Schilder, die Gasthöfe und die Gespräche vor dem Supermarkt ausschließlich auf Deutsch sind, und in denen von Italien im Alltagsleben kaum etwas zu spüren ist. Beides ist Südtirol. Beides ist, auf seine Weise, auch Italien – nur eben diese sehr eigene Version davon.
Was man über Südtirol zu wissen glaubt, stimmt in etwa. Es gibt Skigebiete, viel Wein, Speck, der nicht mit dem aus dem Supermarkt verglichen werden sollte, und Knödel in mehr Variationen, als man für möglich hält. Dazu: kleine Hotels, die mit einer Selbstverständlichkeit gut sind, die anderswo echte Anstrengung kosten würde. Zimmer mit Holzdielen und dicken Decken, Frühstücksbuffets mit lokalem Käse, selbst eingemachten Konfitüren und frisch gebackenem Brot, Wirtsleute, die man abends noch am Nebentisch sitzen sieht. Diesen Standard findet man hier erstaunlich oft, auch ohne teuer gebucht zu haben.
Ein Teller Schlutzkrapfen und ein Glas Wein
Das Essen verdient einen eigenen Absatz. Es ist nicht aufwendig – und es muss das nicht sein. Ein Teller Schlutzkrapfen, diese halbmondförmigen Nudeln gefüllt mit Spinat und Ricotta, in brauner Butter geschwenkt und mit geriebenem Bergkäse bestreut, braucht keine Geschichte dahinter. Er schmeckt so, wie er aussieht: nach Arbeit und nach Ort. Dasselbe gilt für den Speck: trocken gereift, leicht geräuchert, dünn aufgeschnitten. Ein gutes Stück Speck und ein Glas Wein auf einer Holzbank vor einem Gasthof – das ist kein Klischee, das hat man sich nicht ausgedacht. Das ist einfach die Wirklichkeit hier, und sie ist gut.
Der Wein ist ein eigenes Kapitel. Lagrein und Vernatsch sind Rebsorten, die man fast ausschließlich in Südtirol findet, und die sich mit nichts anderem wirklich ersetzen lassen. Die Weine werden international ausgezeichnet, sind aber keine Showweine – sie passen zu Speck, zu Käse, zu einem Abend ohne Programm. Wer Weingüter besucht, trifft häufig auf Besitzer, die selbst erklären, und auf Keller, in denen man länger sitzt als geplant.
Die Berge
Die Berge. Man sollte vielleicht damit anfangen, weil sie der Grund sind, warum die meisten hierher kommen – und weil sie einen trotzdem unvorbereitet erwischen. Die Dolomiten im Osten sind kein sanftes Gebirge. Sie stehen aufrecht und still, in einem Maßstab, der einen kleiner werden lässt. Im Winter sind die Skigebiete gut ausgebaut, gut verbunden und gut besucht – wer Skifahren ernst nimmt, findet hier Pisten, die nicht langweilig werden. Im Sommer und Herbst gehören dieselben Wege den Wanderern, und die Stille oben, nach einer Stunde Aufstieg, hat eine Qualität, die schwer zu beschreiben ist, aber lang anhält.
Wie einen Südtirol einholt
Was uns am stärksten überrascht hat, war nicht ein einzelner Ort oder ein einzelnes Gericht, sondern wie schnell man sich eingewöhnt. Nach zwei Tagen kennt man seinen Bäcker, trinkt den Espresso stehend an der Bar wie die Einheimischen, und hat ein Gefühl dafür, welche Bergstraße die schönere ist. Die Region hat eine Übersichtlichkeit, die nicht mit Kleinheit zu verwechseln ist. Man kann viel sehen und behält trotzdem das Gefühl, nicht abgehetzt zu sein. Das ist seltener, als man denkt.
Wir sind am letzten Abend noch lange sitzen geblieben. Kein besonderer Ort, kein besonderer Anlass – nur der Rest des Lagrein in der Karaffe, Berge im Dunkel draußen, und dieses spezifische Wohlgefühl, das entsteht, wenn man an einem Ort angekommen ist, ohne es geplant zu haben. Auf der Heimfahrt haben wir begonnen, über das nächste Mal zu reden. Das sagt eigentlich alles.
Photo Credits: Daniel J. Schwarz via Unsplash, The Cozy Edition
Dieser Beitrag ist redaktionell unabhängig. Es bestehen keine kommerziellen Vereinbarungen mit der genannten Region.